Erhaltung und Wiederherstellung extensiver, artenreicher Weideflächen

#1
Grüß euch,


wie wir alle wissen gehören extensiv genutzte Grünlandflächen, ganz im Gegensatz zur Intensivnutzungsflächen, zu den absoluten Hotspots was die Artenvielfalt angeht. Leider sind deratige Flächen inzwischen schon fast als Ausnahmeerscheinungen zu bezeichnen und meist nur noch an schwer zugänglichen, maschinell kaum bearbeitbaren Standorten anzutreffen.
Durch den geringen wirtschftlichen Ertrag, die industrialisierung der Landwirtschaft und die "modernisierung" landwirtschaftlicher Methoden sind jedoch leider auch viele dieser Flächen in akuter Gefahr.


Bereits im Jahr 2016, damals jedoch noch rein aus dem Grund, dass ich zu faul war zwischen meinen Pilzkulturen auszumähen, habe ich mir fünf trächtige Soay-Auen zugelegt. Diese kleinschlägige, robuste Schafrasse ist (wie natürlich auch eine ganze Reihe weiterer, nicht so stark überzüchteter Nutztierrassen) perfekt für die extensive Beweidung in schwierigem Gelände geeignet.


Inzwischen habe ich noch einige weitere Flächen (gesamt ca. 3ha) zur Beweidung dazubekommen, welche großteils durch entsprechende Bewirtschaftung in schlechtem Zustand waren (verbuschung, vertritt, düngung), sich jedoch jetzt wieder erholen dürfen. Ab kommendem Jahr kommt eine weitere Fläche mit ca. 5,5ha hinzu, auf der ich einmal etwas genauer dokumentieren möchte, wie sich die Pilzvorkommen durch die Änderung der Bewirtschaftung über die Jahre verändern und entwickeln.


An diese Stelle werde ich euch darüber berichten was sich in den Flächen so tut und werde auch näher darauf eingehen, mit welcher Zielsetzung ich welche Maßnahmen setze, welche Probleme und Lösungswege sich ergeben in der Kombination einer wirtschaftliche Flächennutzung mit dem Erhalt bzw. der wiederherstellung artenreicher Extensivweideflächen, etc.


Das wars erst mal für heute, weil morgen steht mal eine kleine Gebirgsexkursion an.


Zum Abschluss aber noch zwei Funde der letzten Tage, aus einer Fläche die ich seit 2016 bewirtschafte. Zum Mikromerkmale kontrollieren hatte ich allerdings noch keine Zeit, deshalb beide noch mit nem großen cf.


Sowerbyella cf. radiculata
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Entoloma cf. sodale
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Re: Erhaltung und Wiederherstellung extensiver, artenreicher Weideflächen

#2
Lieber Florian,
super Sache, dass Du dich um solche Weideflächen kümmern kannst! In der Tat sind diese Hotspots an gefährdeten Pilzarten. Und sehr selten geworden. Jede Aktivität, die zu mehr extensiv bewirtschafteten Flächen führt ist zu begrüßen. Die Entwicklung sollte wirklich genau dokumentiert werden, gerne unterstützen wir dich dabei soweit möglich.

Für Sowerbyella radiculata scheint es heuer zu passen, hat Herr Filler auch im Waldviertel gefunden.

LG
Irmgard

Re: Erhaltung und Wiederherstellung extensiver, artenreicher Weideflächen

#4
Lieber Gernot, liebe Irmgard,

eigentlich wollte ich dieses Wochenende zumindest noch eine Vorstellung der Flächen einstellen, allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich heute so viele Interessante Funde zu bearbeiten habe.

Zu Sowerbyella bin ich auch nur in Ermangelung an brauchbaren Alternativen gekommen. Die Fruchtkörper waren, wie im Bild ersichtlich, alle recht deutlich gestielt, +- wurzelnd und ich konnte keine Verbindung zu organischem Grobmaterial feststellen. Makroskopisch passt die kollektion recht gut auf die Beschreibung von S. radiculata aus KLOVAC/VOGLMAYER "Beobachtungen zur Gattung Sowerbyella in Österreich"
Aber wie gesagt, die kommen auf jeden Fall noch mal unters Mikro.

Liebe Grüße

Re: Erhaltung und Wiederherstellung extensiver, artenreicher Weideflächen

#5
Fläche 1 (Schl-1-2016)

580-610m, ~1ha, Flysch

Diese Fläche besteht zu etwa 50% aus einem Rutschungskegel, welcher vor etwa 200Jahren entstanden ist. Die Senke wird begrenzt durch einen kleinen Bach, gesäumt von einem Baumstreifen (Fagus, Carpinus, Acer pseudoplatanus, Abies) und einem relativ trockenen, bewaldeten Rücken (Fag., Carp., A. pseu., Populus tremula, Larix)
Als interessantes Kleinhabitat zu erwähnen, ist eine kleine Sickerquelle, welche am Fuß des Rutschungskegels austritt.

Ausgangslage:
Die Fläche ist im Besitz einer Privatperson und wurde bis zur Übernahme von einem angrenzenden Landwirt als Weidefläche genutzt, allerdings wurden nur 1-2x/Jahr für relativ kurze Zeit (max. 2-3 Wochen) Milchkühe aufgetrieben und ansonsten in den letzten 15 Jahren keine weiteren Erhaltungsmaßnahmen gesetzt. Durch die zeitlich sehr begrenzte Beweidung mit ungeeignetem Vieh waren etwa 30% der ursprünglichen Grünlandfläche verbuscht, in erster Linie die schwer zugänglichen Bereiche.
flachere und besser zugängliche Bereiche waren einerseits von Überdüngung betroffen (wurden auch zur Ausbringung häuslicher Abwässer genutzt) und andererseits durch Vertritt geschädigt.
der angesprochene Quellbereich war nicht viel mehr als ein zertrampeltes Schlammloch.
interessante Pilzarten waren kaum zu beobachten (abgesehen von Mykorrhizapartner der umliegenden Altbäume), hauptsächlich Agaricus, Panaeolus, Coprinus s.l.

Gesetzte Maßnahmen:
ab 2016 Dauerbeweidung mit relativ hoher Bestandsdichte, kombinert mit schrittweiser Rodung der verbuschten Flächen, allerdings nur in einem Ausmaß, dass die gerodeten Flächen fürs Vieh zuänglich wurden und durch abfressen der Jungaustriebe auch eine dauerhafte Umwandlung in Grünland möglich war.
gezielte Aushagerungsmahd der stark stickstoffbelasteten Zonen
vorsichtige Nachsaat mit Poa pratensis in den entstandenen bodenoffenen Zonen, zum schnellen erreichen einer trittstabilen, geschlossenen Grasnarbe und zum Unterbinden einer unkontrollierten Ausbreitung von Urtica, Trifolia repens und diversen Distelarten. Auf weitere Einsaat wurde verzichtet, weil ein ausreichender Eintrag Standortgerechter Kräutersamen aus den umliegenden Flächen erfolgt

Aktuelle Situation:
Verbuschung wurde wieder weitgehend zurückgeträngt, abgesehen von einigen bewust belassenen Inseln die der Fläche etwas zusätzliche Struktur Geben sollen
in den überdüngten Bereichen ist langsam ein Ausmagerungseffekt zu beobachten
ehemals verbuschte Berieche sind zwar immer noch relativ stark mit Brennessel verwuchert, wandeln sich durch konsequente Mahd jedoch langsam auch in Wiesenflächen um
seit Herbst 2019 sind auch bei den Wiesenpilzen die ersten Anzeichen der Bewirtschaftungsänderung sichtbar (Entoloma sp., Cuphophyllus virgineus, Hygrocybe cf. chlorophana)

Zukünftige Maßnahmen:
Reduktion des Viehbestandes um 30% (der Hohe Bestand war zwar zur bekämpfung der verbuschung notwendig, zum freihalten ist jedoch kein derart hoher Futterdruck mehr notwendig)

Liebe Grüße


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Re: Erhaltung und Wiederherstellung extensiver, artenreicher Weideflächen

#8
Hallo Florian,

das ist ein ganz wunderbares Projekt, welches Du gestartet hast!
Erfahrungsgemäß fruktifizieren auf extensiven Weideflächen auch viele und oftmals seltene coprophile Pilze.
Falls Du über den Großpilzen hinaus auch an denen interessiert bist, würde ich Dich gern unterstützen.

Ich könnte mir vorstellen, hin und wieder eine Dungprobe in Kultur zu nehmen und das sich entwickelnde Artenspektrum zu untersuchen.
Solltest Du selbst Dungpilze entdecken, kannst Du sie natürlich hier gern zur Diskussion stellen.
Kleiner Tipp dazu.
Im Pilzforum.eu gibt es ein Unterforum Coprophile Pilze, wo diese seit mehreren Jahren vorgestellt und besprochen werden.
Siehe hier: https://www.pilzforum.eu/board/board/25 ... ile-pilze/

Liebe Grüße,
Nobi

Re: Erhaltung und Wiederherstellung extensiver, artenreicher Weideflächen

#9
Lieber Nobi,

herzlichen Dank für dein Angebot, natürlich würde mich auch dieses Thema interessieren, allerdings werde ich wohl in absehbarer Zeit nicht dazu kommen mich dem Bereich näher zu widmen. Wenn du allerdings gerne öfter mal Proben hättest zum in Kultur nehmen, dann lasse ich dir diese sehr gerne zukommen. Meist kann ich dir auch recht detailierte Informationen dazu geben, welche Pflanzen den aktuellen Hauptbestandteil der Nahrung ausmachen, bzw. dir gezielt Probe mit einem möglichst großen Spektrum an Pflanzlichem Ausgansmaterial zusammenstellen, nachdem ich vermute, dass dies auch Einfluss auf die in weiterer Folge wachsenden Pilzarten haben wird.

Liebe Grüße

Re: Erhaltung und Wiederherstellung extensiver, artenreicher Weideflächen

#10
Hallo Florian,

Dein Angebot, mir ein paar Dungproben zum Kultivieren zuzusenden, nehme ich gern an.
Ideal ist bereits etwas älterer Dung, an dem am besten bereits einige "little black dots" zu erkennen sind (Pyrenos) bzw. sonstige Ascos, aber auch Basidiomyceten (zB Tintlinge, Kahlköpfe, Düngerlinge). Der Dung kann durchaus getrocknet sein, ich würde den und seine eventuellen pilzlichen Begleiter in einer Feuchtkammer wieder aufleben lassen. Bitte nicht zuviel schicken, max. 10 - 20 Köttel vom Schaf, Reh, Hase usw. sind realistisch zu bearbeiten. Interessant wären auch die verschiedenen jahreszeitlichen Aspekte. Meine Adresse schicke ich Dir gern per PN.

Liebe Grüße,
Nobi
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