Achroomyces cf. disciformis => Anamorphe von Neonectria lugdunensis

#1
Hallo Gernot,

ich habe mir vor kurzem einen an einem Bächlein vom Spritzwasser benetzen Laubholzast angesehen und darauf durch die Rinde durchbrechende weisse Gallertpilze gefunden. Das Mikroskop hat gezeigt, dass es ein Heterobasidiomycet ist und ich vermute es handelt sich um Achroomyces (Platygloea) disciformis.
Die Mikrostrukturen zeigen z.T. aber auch sehr eigenartige torpedoförmige Strukturen, die ich nicht zuordnen kann. Ev. stammen sie gar nicht von A. disciformis. In der spärlichen Literatur habe ich nichts vergleichbares gefunden.

In der Datenbank ist zu sehen, dass du den Pilz schon zweimal kartiert hast. Darum die Frage an dich ob A. disciformis für plausibel hältst und was diese seltsamen torpedoartigen Elemente sein könnten (siehe Fotos).

Danke für deine Unterstützung und liebe Grüße,
Christian
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Zuletzt geändert von christian-ap am 22.04.2024, 22:48, insgesamt 2-mal geändert.

Re: Achroomyces cf. disciformis

#2
Hallo, Christian!

Die Konidien erinnern mich an Neonectria lugdunensis (= Heliscus lugdunensis), vgl. z. B. hier:
http://www.ascofrance.com/uploads/forum ... ff8271.jpg
https://biotanz.landcareresearch.co.nz/ ... aa570be6ad
https://www.gbif.org/tools/zoom/simple. ... 34b9f2ff00
https://www.gbif.org/tools/zoom/simple. ... 12c67b04bd

Ansonsten kann ich auf deinen Fotos leider keine Strukturen erkennen, die ich definitiv einem Heterobasidiomyceten zuordnen würde.

Schöne Grüße
Gernot

Re: Achroomyces cf. disciformis

#3
Vielen Dank Gernot,

Danke für deine Expertise!
Die Mikrobilder der Konidien von Neonectria lugdunenis sehen genau so aus. Das könnte also gut passen.

Jetzt im getrockneten Zustand ist von den auffälligen gallertartigen weissen Ausstülpungen nichts mehr da und nur kleine Narben sind in der Rinde zu sehen.
Die sexuellen Fruchtkörper von Neonectria lugdunensis sind in den wenigen Fotos die im Netz zu finden (z.B ein Datensatz von Voglmayr, 1992 unter Nectria lugdunensis) sind als rote Kügelchen abgebildet. Könnte dann die gallertartige weisse Masse die aquatisch lebende asexuelle Fruchtform Heliscus lugdunensis sein?
Und macht es überhaupt Sinn Exsikate für solche Pilze zu machen bzw. braucht es auch das Anlegen einer Kultur um diese Pilze zu bestimmen?

Verzeihe mir bitte meine laienhaften Fragen. Das Zusammenspiel von sexuellen und asexuellen Fruchtformen sowie Wirt und Parasit macht das Mikroskopieren für mich als Amateur und das Auseinanderhalten der Strukturen noch schwieriger, zumal nur sehr wenig Literatur zu finden ist. Vielleicht schaue ich dann noch ob ich die Originalliteratur von Webster und Ingold bekomme. Wahrscheinlich muss ich auch noch genauer sein im Anlegen der Probe fürs Mikroskop.

LG Christian

Re: Achroomyces cf. disciformis

#4
Hallo, Christian!

Ob es sich bei den gallertartigen Pusteln um die Konidiomata von Neonectria lugdunensis handelt, kann ich leider nicht beantworten, denn ich habe zu deren Aussehen auf die Schnelle nichts gefunden. Hast du denn Konidien beobachtet, die noch auf den Konidiophoren sitzen? Bzw. sind die auf deinen Mikrofotos gezeigten Elemente vielleicht Konidiophoren? Wenn ja, dann wüsste man, dass die Pusteln tatsächlich die Konidiomata sind.
Aufgrund ihrer charakteristischen Konidien-Morphologie in Kombination mit der Ökologie kann man Neonectria lugdunensis m. W. durchaus auch ohne Anzüchten und Sequenzieren bestimmen. Anscheinend sind diese Konidien sogar ziemlich häufig in aquatischen Lebensräumen zu finden. Wenn das also wirklich die Konidiomata sein sollten, würde es sich m. E. jedenfalls lohnen, einen Beleg davon anzufertigen. Falls du aber nur zufällig angespülte Konidien beobachtet hast, wird es etwas schwieriger. Sofern genügend davon vorhanden sind, kann man vielleicht trotzdem einen Beleg machen.
Hier gibt es übrigens einen interessanten Artikel zum Umgang mit den aquatischen Hyphomyceten, inkl. Anfertigung von Belegen: https://ibdigital.uib.es/greenstone/col ... 40p169.pdf.

Schöne Grüße
Gernot

Re: Achroomyces cf. disciformis

#5
Lieber Gernot, liebe Mitleser,

ich hatte heute beim Pilzberatungs-Abend der ÖMG die Möglichkeit meinen Fund mit Hermann Voglmayr, dem Spezialisten für aquatische Pilz zu besprechen.
Es kann davon ausgegangen werden, dass der Pilz tatsächlich die Anamorphe von Neonectria lugdunensis ist. Die mikroskopischen Strukturen passen gut und auch die gallertartigen Strukturen kommen bei diesen aquatischen Pilzen vor. Sie sind nur in keinen Publikationen zu finden, weil meistens nur die aus dem Schaum im Wasser entnommenen Sporen Basis für die weiteren Untersuchungen sind.

LG Christian