Viele Pilze dank Föhn

#1
Hallo zusammen

Anfang November hat der Föhn hier die Temperaturen nochmals auf 22 Grad hochgetrieben und danach gab es tagelang Nebel
ohne Frost. Die Folgen davon sind unübersehbar. Es fruchten hier zur Zeit viel mehr Pilze als im September.
Für's Auge und für die Taxonomen hier eine kleine Auswahl auf den folgenden Fotos. Darunter alte Bekannte und Unbekannte (zumindest für mich).


Gruß
Gerhard

#1 Drei Arten am gleichen Holz
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#2 Lactarius salmonicolor
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#3
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#4 Cortinarius caninus?
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#5
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#6
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#7
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#8 Thelephora terrestris?
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#9
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#10
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Zuletzt geändert von Gerry am 08.11.2020, 13:03, insgesamt 8-mal geändert.

Re: Viele Pilze dank Föhn

#3
Lieber Gerhard,

schön, dass die Pilze bei dir noch so reichlich wachsen! Ich versuche mich mal an ein paar Bestimmungen:

#1: Armillaria lutea und Merulius tremellosus meine ich da zu erkennen.
#3: Da kommen ein paar Arten in Frage. Eine genauere Bestimmung würde sich, falls möglich, lohnen. Auch wenn am Ende doch "nur" Clitopilus scyphoides herauskommt...
#5: Pleurotus ostreatus?
#7: Der Geruch wäre hier wichtig...
#8: Würde ich auch sagen.
#9: Vielleicht Psilocybe cyanescens.
#10: Waldfreund-Rüblings-Ecke.
#15: Ein Schüppling, vielleicht Pholiota spumosa.
#16: Oligoporus caesius oder O. subcaesius agg.

Schöne Grüße
Gernot

Re: Viele Pilze dank Föhn

#4
Hallo Gernot

Vielen Dank für deine Hilfe!
Den #7 hab ich mir nochmal angeschaut. Er ist völlig geruchlos und wächst unter einer Birke.
Bei # 9 habe ich auch an Psilocybe cyanescens gedacht. Es fehlt aber ein typisches Merkmal: Die bei ausgewachsenen Exemplaren
wellig verbogenen Hüte. Vielleicht eine Varietät. Eines Sequenzierung wäre interessant.

Gruß
Gerhard

Re: Viele Pilze dank Föhn

#5
Servus Gerhard,
na da spielt es sich ja bei Euch auch ordentlich ab!
in Ergänzung zu den Vorschlägen, die Gernot schon gemacht hat:
4 ist ein Phlegmacium, da brauchts halt etwas mehr Merkmale zum Bestimmen
5 ein später Pleurotus pulmonarius?
6 cf. Clitocybe
7 ev. Cortinarius decipiens, ohne Mikroskopie bei Telamonine hächstens ein Arbeitsname
9 Psilocybe cyanescens: da gibt es zum Runterladen eine interessante Arbeit über diesen invasiven Pilz:
Aus dem Abstractd:
Psilocybe cyanescens ist ein invasiver, jedoch kaum erforschter, Kulturfolger in Deutschland. Die ökologischen und gesellschaftlichen Probleme im Zusammenhang mit diesem stark psychoaktiven Vertreter der Strophariaceae verlangten nach einer umfassenden Studie, die seine aktuelle Verbreitung, spezifischen Merkmale und taxonomische Stellung als Grundlage für den zukünftigen Umgang mit ihm darlegt. Diese Arbeit deckt über Feldaufnahmen, Kultivierungsversuche, mikroskopische Studien, Kreuzungsversuche sowie genetische Fingerabdrücke verschiedenste biologische Aspekte ab. Die Ergebnisse offenbarten einen genetisch verarmten, aber sich durch anthropogene Förderung schnell ausbreitenden, Saprobionten. Sein Mangel an allopatrischer Ausdifferenzierung in Europa sowie auch in Nordamerika lässt auf eine relativ kürzliche Populationsexplosion ausserhalb des unbekannten natürlichen Habitats aufgrund von Globalisierung und urbaner Mulchverwendung schliessen. Des Weiteren erscheint die taxonomische Klassifikation unausgereift. Eine Artabgrenzung zu den amerikanischen Verwandten P. azurescens und P. allenii erwies sich als schwierig. Alle drei Taxa stammen vermutlich von P. subaeruginosa-Populationen in Australien ab und stellen Variationen derselben Art dar. Es ist davon auszugehen, dass sich P. cyanescens zunehmend in Deutschland ausbreitet und mit der Zeit auch heimische Waldökosysteme erschliesst, sofern nicht bereits geschehen.

http://hdl.handle.net/11858/00-1735-0000-002E-E322-0
Gießler, A., 2017: Psilocybe cyanescens in Germany.

10 Gymnopus dryophilus (Rhizomorphen weißlich)
11 da bräuchte ma die Unterseite und den Stiel
13 Psathyrella?
LG
Irmgard

Re: Viele Pilze dank Föhn

#6
Hallo Irmgard

Vielen Dank für deine Hilfe! Hab mich sehr gefreut über den Link betreffend Dissertation zum Psilocybe cyanescens Aggregat.
Übrigens hat ein Bekannter von mir in Deutschland ähnlich aussehende blau verfärbende Psilocyben gefunden.
Allerdings in einem Naturschutzgebiet, so dass man jene kaum als Kulturfolger bezeichnen kann.

Schöne Grüße
Gerhard


Nicht identifizierter Psilocybe aus Nordrhein-Westfalen
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Re: Viele Pilze dank Föhn

#7
Hallo in die Gruppe,

Psilocybe cyanescens beobachte ich seit drei Jahren und er dürfte tatsächlich sehr invasiv sein. Taucht meist im November auf und ist an immer mehr Stellen zu finden; dort wo Holzschnitzel im Wald liegen oder zum Mulchen verwendet werden zunehmend in Massen. An einem Standort verdrängte er Stropharia aeruginosa und mittlerweile hat er es sich auch im Kräuterbeet meiner Eltern gemütlich gemacht......

LG Christian

Re: Viele Pilze dank Föhn

#8
Hallo Christian

Dass er invasiv ist kann ich vollauf bestätigen und offensichtlich ist diese Art kälteliebend.
Und ich habe beobachtet, dass dort wo im Frühjahr Agrocybe praecox auf Mulch fruchtet, im folgenden Herbst
des öfteren Psilocybe cyanescens erscheint. Hier noch ein Foto das zeigt, wie rasig diese Art wächst. Einer kommt selten allein.
Immer vorausgesetzt, dass es sich wirklich um P. cyanescens handelt. Die Pilze verfärben sich zwar blau bei Verletzung,
aber ich sehe keine wellig verbogenen Hüte, ein typisches Merkmal älterer Exemplare von P. cyanescens.

LG
Gerhard


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Re: Viele Pilze dank Föhn

#9
Gerry hat geschrieben:
10.11.2020, 16:06
Hallo Irmgard

Vielen Dank für deine Hilfe! Hab mich sehr gefreut über den Link betreffend Dissertation zum Psilocybe cyanescens Aggregat.
Übrigens hat ein Bekannter von mir in Deutschland ähnlich aussehende blau verfärbende Psilocyben gefunden.
Allerdings in einem Naturschutzgebiet, so dass man jene kaum als Kulturfolger bezeichnen kann.

Schöne Grüße
Gerhard


Nicht identifizierter Psilocybe aus Nordrhein-Westfalen

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Servus Gerhard,

auf der linken Seite der Aufnahme meine ich ein weißes Mycel zu sehen. Auch der Habitus kommt mir vertraut vor,

comp_pilze 22.10.13IMG_2714.jpg
LG
Peter

Re: Viele Pilze dank Föhn

#10
Hallo Peter

Die Pilze aus Nordrhein-Westfalen und auch die Pilze auf deiner Aufnahme sehen für mich verdächtig nach Psilocybe serbica aus.
Auch der Habitat bzw. das Substrat könnten passen. Wenn ich mich recht erinnere, hast du diese Art bereits vor zwei Jahren schon mal gefunden.

LG
Gerhard

Re: Viele Pilze dank Föhn

#11
Hi Gerhard,

erstmals gefunden habe ich P. serbica 2015, seitdem begleite ich den Fundort. Ungefähr Mitte November, wenn die Temperatur in der Früh bei 5 - 8 Grad liegt zeigt sich P. serbica var. bohmica.

Bestimmt hat die Kollektion damals Irmgard, die ÖZP 22 habe ich extra bei ihrem Bürofräulein angefordert. Die ist auch eine ganz liebe ;.)

HAUSKNECHT, A., KRISAI-GREILHUBER, I., 2013: Die Gattungen Deconica, Leratiomyces und Psilocybe (Strophariaceae) in Österreich. – Österr. Z. Pilzk. 22: 49–82
In diesem Schlüssel wird das weiße Mycel als Bestimmungsmerkmal für bohemica angeführt, deshalb habe ich dich danach gefragt.

Kulturfolger ist die Psilo in meinem Fall keiner, die wachsen auf morschen Holzstückchen in der Laubstreu.

LG
Peter

Re: Viele Pilze dank Föhn

#12
Hallo Peter

Nach meinen Informationen und persönlichen Erfahrungen ist Psilocybe serbica eine Art, die schon immer in Europa
heimisch war und eindeutig kein Kulturfolger ist wie Psilocybe cyanescens, der ein Neomycet und eindeutiger Kulturfolger ist
und bis jetzt keine heimischen Waldökosysteme erschlossen hat, sondern ausschliesslich auf von Menschen hinterlassenen
Holzabfällen fruktifiziert.

Ein Link zum Artikel über deinen Fund und über die Phylogenetik und Evolution der blauenden Psilocyben:

https://www.univie.ac.at/oemykges/wp-co ... _final.pdf
https://cdnsciencepub.com/doi/full/10.1 ... -2013-0070

LG
Gerhard

Re: Viele Pilze dank Föhn

#13
Servus Gerhard,

thx für deine Links. Der erste führt zu einem von Irmgard verfassten Beitrag, zu dem wir in Kärnten das Skelett geliefert haben. Fleisch, Sehnen, Muskel & Co hat sie angefügt und auf Grundlage des rezenten Schlüssel von
HAUSKNECHT, A., KRISAI-GREILHUBER, I., 2013: Die Gattungen Deconica, Leratiomyces und Psilocybe (Strophariaceae) in Österreich. – Österr. Z. Pilzk. 22: 49–82
veröffentlicht.

Der zweite Link führt nach Übersee, zum gleichen Thema zur selben Zeit, 2013.

LG
Peter