Hysteropatella prostii

#1
Hallo,

am vergangenen Samstag fanden wir einen interessanten Schlauchpilz mit kleinen, schwarzen Hysterothecien – das Substrat war ein im Luftraum hängendes Borkenstück eines alten Apfelbaumes in einem aufgelassenen Obstgarten. Durch die Form der Fruchtkörper und die dreifach septierten, braunen Sporen ist der Pilz relativ unproblematisch als Hysteropatella prostii zu bestimmen. Diese Art wächst bevorzugt auf Malus, auch der Typus stammt von diesem Substrat. In der Datenbank der Pilze Österreichs gibt es noch keinen Eintrag, vielleicht wäre der Pilz bei gezielter Suche aber öfters zu finden. Für mich persönlich war es jedenfalls ein Erstfund.
Der Standort: Südoststeiermark, NSG Trockenwiese in Aigen ("Höll"), verbuschende Hochstammobstanlage (https://www.verwaltung.steiermark.at/cm ... /74838132/), 15°59'07'' Ost, 46°48'36'' Nord, 285 m.
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^ trocken
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^ wiederbefeuchtet
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Schöne Grüße
Gernot

Re: Hysteropatella prostii

#2
Lieber Gernot,
Ein schöner Fund! Danke fürs Einstellen. Die Ascomyceten mit Hysterothecien sind stark unterkartiert, da gibt es viele sehr häufige, wie z.B. Hysterium pulicare. Das finde ich so gut wie in jedem Laubwald, besonders häufig auf Eichenborke. Einfach einmal genauer hinschauen, dann entdeckt man die schwarzen kleinen lippenförmigen Fruchtkörper.
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Hysterium pulicare
Die Sporen sind reif im Mikroskop gut durch ihre Zweifärbigkeit erkennbar (die mittleren Zellen dunkler), unreif wird es schon schwieriger. Und man muss jede dieser Aufsammlungen mikroskopieren, denn es gibt ähnliche Arten, die aber andere Mikromerkmale haben, wie z.B. Hysterographium fraxini mit mauerförmigen Sporen.
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Hysterographium fraxini
Auch Apfelbäume sollten öfter mal abgesucht werden. Die Art ist sicher weiter verbreitet als bisher bekannt. Bei den Schlauchpilzen ist die Datenbank Arbeitsdokument zu verstehen, das heißt, soweit es möglich ist, werden Funde aufgenommen, sie ist jedoch von einer Vollständigkeit noch weit entfernt, auch dadurch, dass die Auswertung gerade bei Schlauchpilzen wichtiger Fungarien noch wartet.
LG
Irmgard

Re: Hysteropatella prostii

#3
Liebe Irmgard,

Hysterium pulicare ist wahrlich ein "Unkraut-Pilz", ebenso H. angustatum, die zweite bei uns vorkommende Art dieser Gattung. Es ist vielerorts unmöglich, einen Laubbaum mit grober Borke zu finden, der nicht von einer dieser Arten besiedelt ist. Hysterographium fraxini ist da meiner Erfahrung nach schon deutlich seltener, wobei auch diese Art keine Rarität ist.
Übrigens spiegeln sich die äußerlichen (und namentlichen) Ähnlichkeiten von z. B. Hysterium und Hysterographium mit Hysteropatella verwandtschaftlich nicht wider, denn die beiden ersteren gehören zu den Hysteriales, letztere zu den Patellariales.

Hysterium angustatum hat im Gegensatz zu H. pulicare ± durchgehend gefärbte Sporen, die Endzellen sind höchstens schwach heller als die Mittelzellen, nicht aber so deutlich wie bei H. pulicare. Hier ein paar weitere Fotos zum Vergleich.

Hysterium angustatum:
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Borke von Quercus robur

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Borke von Populus nigra

hyst an 3.jpg
Borke von Ulmus laevis


Hysterium pulicare:
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Borke von Quercus robur

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Borke von Alnus

hyst pu 3.jpg
Borke von Populus

Schöne Grüße
Gernot

Re: Hysteropatella prostii

#4
Lieber Gernot,
stimmt, Hysterium angustatum ist in der Wiener Umgebung genauso häufig wie H. pulicare, habe u.a. Funde auf Alnus, Populus, Acer, Tilia, Frangula und Betula (Foto).
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Hysterium angustatum auf Betula
LG
Irmgard

Re: Hysteropatella prostii

#5
Hallo Gernot und Irmgard
nun hat es ja doch noch geklappt :-)

Also Hysteropatella prostii ist wirklich häufig und gemein, und tatsächlich praktisch nur auf Apfelrinde zu finden. An stehenden vitalen Stämmen auf der ablösenden Rinde. Dort fand ich auch einmal zahlreich einen gelben, sessilen, Calloria-artigen, gleichfalls trockentoleranten Disco mit großen Sporen, den ich von manch anderem Substrat schon kannte und der bis heute keinen Gattungs- und Artnamen hat.

LG
Zotto

Re: Hysteropatella prostii

#7
Hallo, Zotto,

herzlich willkommen hier! Danke für die weiteren Informationen. Auf alten Apfelbäumen kann man wirklich eine Reihe von interessanten Pilzarten finden, da lohnt sich das genaue Hinschauen also auf jeden Fall. Falls mir die H. prostii wieder einmal unterkommen sollte, werde ich es hier melden.

Schöne Grüße
Gernot

Re: Hysteropatella prostii

#9
Servus Gernot,

nachträglich möchte ich noch auf einen Artikel hinweisen:

Yacharoen S, Tian Q, Chomnunti P, Boonmee S, Chukeatirote E, Bhat JD, Hyde KD (2015): Patellariaceae revisited. Mycosphere 6(3), 290–326, Doi 10.5943/mycosphere/6/3/7

Auf S. 304 ist die Art nochmal schön abgebildet - und zwar vom Isotypus (der Typus ist aus Österreich).

Ich habe im Bayerischen Forum einen kleinen Kartierungsaufruf gestartet - der letzte offizielle Fund aus Südbayern stammt aus dem 19. Jahrhundert (von Andreas Allescher). Und ich glaube nicht, dass der Pilz ei uns ausgestorben ist. In meiner Ecke sind leider vor allem Mais- und Rapsfelder und keine alten Streuobstwiesen. Insofern habe ich Probleme, einen alten Apfelbaum zu finden, der frei zugänglich ist. Aber vielleicht stolpere ich ja irgendwo auf einen geeigneten Wirtsbaum, um selber zu suchen.

Zur Datenbank Österreichs:

Kann man den Fundort so lokalisieren, dass man das in die Datenbank eingeben kann? - "Material examined: AUSTRIA, Scheibbs, Gresten, on the bark of Malus domestica Borkh (Rosaceae), Poetsch (L4192, N910.204-614, isotype)" - aus Yacharoen et al. (2015)
Das müsste ja 3264 Gresten sein?!

Liebe Grüße,
Christoph
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)
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